Fernheiz und Elektrizitätswerk in Dresden
Dresdens erste Fernwärmeanlage an der Packhofstraße sollte vor allem der Hofkirche einheizen.

Das Bedürfnis nach Wärme liegt uns Menschen buchstäblich im Blut. Sinkt dessen Temperatur zu stark, beginnen wir zu frieren. Auch blaues Blut schützt davor nicht.

Das musste bereits König Albert von Sachsen Ende des 19. Jahrhunderts feststellen, als er zur winterlichen Frühmesse in der eiskalten Dresdner Hofkirche Platz nahm. Da die Kirchenarchitektur den nachträglichen Einbau von Heizöfen nicht zuließ, fror Albert während des Gottesdienstes jämmerlich.

Doch er hatte Glück, denn wie Sie als Leser unserer Serie Energiegeschichte bereits wissen, waren wir Sachsen beim Thema Energie schon immer erfinderisch.

Als der Winter im Januar 1895 in die sächsische Landeshauptstadt einzog, setzte er den ausladenden Barockbauten nicht nur seine weiße Pracht auf. Er legte auch eine klirrende Kälte über die Stadt. König Albert wäre an diesem sonntäglichen Januarmorgen wohl viel lieber unter der purpurnen Bettdecke seines Schlafgemachs im Residenzschloss liegen geblieben, anstatt die Frühmesse in der katholischen Hofkirche zu besuchen.

Nicht nur, weil dem ehemaligen Generalfeldmarshall Militärparaden das Herz weit mehr wärmten, als Gebete und Predigten. Nein, Albert wusste, das Gotteshaus glich im Winter einer Eisgrotte. Auch hunderte brennender Kerzen vermochten die fehlende Heizungsanlage im Inneren nicht zu ersetzen. An deren Einbau hatten offenbar weder sein wettinischer Thron-Vorfahre und Kirchenbauherr Friedrich August II., noch der italienische Baumeister und Architekt Caetano Chieveri gedacht.

König Albert von Sachsen
Albert war von 1873 bis 1902 König von Sachsen.

Dieses Versäumnis wollte Albert bereits 20 Jahre zuvor beheben. Aus Brandschutzgründen war der nachträgliche Einbau von Feuerstätten allerdings weder in den Mittel-, noch in den Seitenschiffen der Kirche möglich.

Doch mittlerweile war die technische Entwicklung weiter fortgeschritten. Vor allem in den USA experimentierten Ingenieure seit 1880 mit Fernheizanlagen, welche die Wärme mittels Rohrleitungen und Wasserdampf in Gebäude transportierten.

In Dresden begannen Ende des 19. Jahrhunderts ohnehin umfangreiche Restaurierungsarbeiten in der Kirche, dem Schloss und dem Georgenbau. Albert und seine Minister für Kultus, Bau und Finanzen sahen darin eine günstige Gelegenheit, die Wärmeversorgung der Gebäude neu zu organisieren. Das Jahr 1895 wurde so zur Geburtsstunde erster Ideen zum Aufbau einer Fernwärmeversorgung in Dresden.

Ausgehend von den bereits in Amerika angewandten Lösungen, schlug Oberbaurat Julius Temper dem Königlich-Sächsischen Kultusministerium vor, eine Wärmeerzeugungsanlage außerhalb der Hofkirche zu errichten. Doch nicht nur das Gotteshaus sollte von dieser Neuerung profitieren: Ein externes Heizwerk könnte gleichzeitig auch für wohlige Temperaturen im Residenzschloss mit Georgenbau, Oper, Zwinger, Gemäldegalerie sowie allen Gebäuden der Brühlschen Terrasse einschließlich künftigen Landtagsgebäude und geplantem Polizeipräsidium an der Schießgasse sorgen.

In den angeschlossenen Gebäuden könnten so insgesamt 80 einzelne Feuerstellen stillgelegt werden, wodurch ein möglicher Brandherd im Haus ebenso entfiel, wie das beschwerliche Kohleschleppen. Ganz zu schweigen vom Ruß und Staub in den Zimmern.

Fernheizwerk mit schwarzem Rauch
Um für Fotos einen besonders „schönen“, schwarzen Rauch zu erzeugen, wurden im Heizkraftwerk ölige Putzlappen verfeuert.

Eine zentrale Anlage bot aber noch einen weiteren Vorteil: Neben Wärme sollte sie auch Strom erzeugen, damit die umliegenden Gebäude beleuchten und der Stadt buchstäblich eine helle Zukunft bescheren.

Diese Überlegungen überzeugten schlussendlich auch den Sächsischen Landtag, der im November 1897 drei Millionen Reichsmark zum Bau des sogenannten „Staatlichen Fernheiz- und Elektrizitätswerkes“ bewilligte.

Der Baubeginn erfolgte im Februar 1899 auf dem Grundstück an der Großen Packhofstraße, die sich an der Nordwestseite des Theaterplatzes hinter der Oper befand (heute: Am Zwingerteich).

Zuvor wurde der Wärme- und Strombedarf der insgesamt 18 zu versorgenden Gebäude ermittelt. Zur Wärmeversorgung in den Morgenstunden waren demnach 16 Megawatt, für die Beleuchtung am Abend 8 Megawatt nötig.

Das mag aus heutiger Sicht gering erscheinen, liefert der moderne Neubau des Dresdner Heizkraftwerks an der Nossener Brücke knapp 100 Jahre später doch bereits mehr als die 30-fache Leistung. Für das beginnende 20. Jahrhundert war eine Fernwärme-Versorgung in diesem Umfang und in dieser räumlichen Ausdehnung jedoch eine technische Spitzenleistung.

Zehn Doppelkessel mit je 200 Quadratmetern Heizfläche sorgten im ununterbrochenen Betrieb für die nötige Dampfleistung. Als Brennstoff diente böhmische Hartbraunkohle, die über die Schiene oder die Elbe zugeführt wurde.

Fernheiz- und Elektrizitätswerk mit Brühlscher Terrasse
Der Schornstein-Turm des Fernheiz- und Elektrizitätswerkes (rechts) fügte sich gut in Dresdens weltberühmte Silhouette ein.

Als das Fernheiz- und Elektrizitätswerk im Dezember 1900 fertiggestellt und in Betrieb genommen wurde, hatte König Albert endlich erreicht, was er schon lange wollte: eine Heizung in der Hofkirche.

Doch nicht nur er hatte Grund zur Freude, sondern auch der Stab der Denkmalpfleger. In Anlehnung an die umliegenden historischen Gebäude erhielt der Industriebau eine Fassade aus Elbsandstein und fügte sich so angemessen in die Dresdner Altstadt-Silhouette ein.