Antje Lehnigk
Antje Lehnigk ist verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit in den Tagebauen Nochten und Reichwalde.

Ich bin ein seltenes Exemplar im Tagebau Reichwalde. Statt im Blaumann Kohle oder die Erde darüber zu fördern, fahre ich meist in orange-gelber Jacke mit einem Mannschaftstransportwagen (MTW) durch den Tagebau.

Ich allein bräuchte keinen großen MTW, aber meist bin ich in Begleitung. Schulklassen, Firmen aus der Energiewirtschaft oder weitgereiste Energieexperten – sogar aus Australien kamen schon Gäste – führe ich durch den Tagebau und erkläre ihnen die Arbeit der Bergleute.

700 Fahrradfahrer am Stück, wie sie am 19. Juni im Rahmen der ENSO-RUNDUM-TOUR zu mir an den Aussichtspunkt im Tagebau Reichwalde kommen, waren noch nie dabei. Ich bin mir sicher, sie werden viel Neues und Interessantes erfahren.

Die meisten Besucher waren noch nie in einem Tagebau. Viele wundern sich, dass wir die Kohle nicht im Dunkeln unter der Erde abbauen, sondern bei Tageslicht in etwa 85 Meter Tiefe. Von den Ausmaßen eines Tagebaus mit seinen kilometerlangen Kippenhalden sind alle beeindruckt. Doch dass hinter der „Mondlandschaft“ wieder grüne, vielfältige und lebenswerte Landschaften entstehen, wissen viele nicht. Auch das ist ein Teil meiner Arbeit – mit so einigen Vorurteilen aufräumen.

Förderbrücke im Tagebau Reichwalde
Braunkohle wird auch im Tagebau Reichwalde nicht unter der Erde, sondern bei Tageslicht abgebaut. Foto: Vattenfall

Der Tagebau Reichwalde hat bis heute schon eine sehr wechselhafte Geschichte hinter sich. Noch bevor ich geboren wurde, begann sie mit der Entwässerung des Gebiets im Jahr 1981.

1987 wurde die erste Kohle gefördert aber schon im Jahr 1999 musste die Kohleförderung aufgrund ungünstiger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen wieder eingestellt werden. Ein Schock für alle Beschäftigten damals. Für unbestimmte Zeit ging der Tagebau in die „Betriebsbereitschaft“. Niemand wusste, wie lange dieser Zustand bestehen bleiben würde.

Mit der Verbesserung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Stromerzeugung aus Braunkohle und verbunden mit dem Bau eines hochmodernen Kraftwerkblockes am Kraftwerksstandort Boxberg erwachte der Tagebau Reichwalde im Jahr 2006 wieder zu neuem Leben.

Genau zu dieser Zeit habe ich meinen Job in der Öffentlichkeitsarbeit für die Tagebaue Nochten und Reichwalde angetreten. Ich konnte mit eigenen Augen sehen, wie binnen kurzer Zeit der Tagebau technisch auf den modernsten Stand gebracht wurde. In Spitzenzeiten wuselten bis zu 350 Arbeiter im erwachenden Tagebau.

Im April 2010 konnte die komplett ertüchtigte Förderbrücke wieder ihren Betrieb aufnehmen und den Abraum über der 15 Millionen Jahre alten und bis 85 Meter tief lagernden Kohle im 2. Lausitzer Flöz abtragen. Das war ein glücklicher Tag für uns Mitarbeiter.

Hammerstädt
Drei Jahre dauerte es, dem Weißen Schöps ein naturnahes Bett zu schaffen. Hier ist ein renaturierter Flussabschnitt bei Hammerstädt zu sehen. Foto: Vattenfall

Im weiteren Verlauf waren im Tagebau Reichwalde noch einige große Projekte zu stemmen. Ein neues Kohleband, das die Kohle vom Tagebau direkt zum Kraftwerk Boxberg transportiert, haben wir errichtet und den Weißen Schöps auf einer Länge von 13 Kilometern naturnah in sein endgültiges Flussbett verlegt.

Bereits im Jahr 2010 haben wir mit dem Bau einer 12 Kilometer langen und 45 Meter tiefen wasserundurchlässigen Dichtwand begonnen. Bislang sind gut fünf Kilometer der Dichtwand errichtet, welche die Raklitza und das Hammerstädter und Rietschener Teichgebiet vor der bergbaubedingten Grundwasserabsenkung schützen soll.

Mit dem Entschluss, den Tagebau Reichwalde weiterzuführen, war klar, dass eine Tagebauumstellung vom Südfeld in das Nordfeld anstehen würde. Ab dem Jahr 2017 wird der im vergangenen Jahr unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit aus dem Tagebau Nochten herausgefahrene Vorschnittbagger seinen Dienst im Tagebau Reichwalde verrichten.

Zu diesem Zeitpunkt wird der Tagebau Reichwalde für jeden deutlich sein Erscheinungsbild ändern. Wo jetzt der Förderbrücke und den Grubengeräten nur eine kleine drei Kilometer lange Strosse im Südfeld zur Verfügung steht, werden sie sich ab 2017 auf einer doppelt so langen Strosse im Nordfeld bewegen können. Insgesamt wird dann das Prinzip eines Lausitzer Tagebaus mit seinen drei großen Komplexen Vorschnitt, Grubenbetrieb und Absetzerbetrieb komplett umgesetzt.

Aus dem Tagebau Reichwalde können an einem Tag bis zu 80.000 Tonnen Rohbraunkohle gefördert werden – der Rohstoff, den das nahe liegende Kraftwerk Boxberg rund um die Uhr benötigt.

Schaufelbagger im Tagebau Reichwalde
1.300 Liter umfasst das Volumen einer Schaufel des Schaufelradbaggers, der seinen Dienst auf der Kohlestrosse verrichtet. Foto: Vattenfall

Schon seit Jahrzehnten ist das Braunkohlekraftwerk Boxberg markantes Wahrzeichen des ostsächsischen Energiestandortes und Garant für eine sichere Stromversorgung über die Grenzen der Lausitz hinaus.

Im Rahmen der Energiewende fügt es sich in seine Rolle als „Feuerwehr“ im Netz. Bei genügend Sonnen- und Windenergie fährt es seine Leistung herunter und bei ausbleibender Erzeugung der erneuerbaren Energien hoch. Damit garantieren die Lausitzer Braunkohlenkraftwerke das derzeitige Wachstum der erneuerbaren Energien und sichern gleichzeitig die Versorgung rund um die Uhr.

Bis flächendeckend verlässliche und bezahlbare Alternativen zur Braunkohleverstromung existieren, bleibt der Tagebau Reichwalde in Betrieb und wird das Landschaftsbild in Nord-Ost-Sachsen mit prägen.

Am Ende seiner turbulenten Geschichte wird aus seinem bergbaubedingten Restraum ein See mit 1.350 Hektar Wasserfläche entstehen. Damit wird er größer als der wasserreichste Stausee Deutschlands, die Bleilochtalsperre in Thüringen.

Ich bin stolz darauf die Ereignisse in diesem Tagebau hautnah in den letzten Jahren miterlebt zu haben. Trotz meines Seltenheitswerts fühle ich mich in der Gemeinschaft der Kumpel, die draußen bei Wind und Wetter, bei Tag und Nacht ihre Arbeit leisten, gut aufgehoben.

Glück auf!