Vom 05. bis 21. Oktober 2018 wird die Region Oberlausitz-Niederschlesien wieder zum musikalischen Schmelztiegel. Bereits zum 23. Mal bringt das Jazz-Festival Künstler, Musiker und Gäste aus aller Welt zusammen.

Das MANDAUJAZZ-FESTIVAL zieht im goldenen Herbst vom 05. bis 21. Oktober 2018 Jazzliebhaber aus Nah und Fern ins Dreiländereck Deutschland-Polen-Tschechien. Bei 14 Konzerten auf zwölf Bühnen können die Besucher erleben, wie zeitgenössische Musik und international bedeutende Jazzinterpreten mit dem Lokalkolorit verträumter Dörfer und Gemeinden verschmelzen. So verwandelt sich die Region Oberlausitz-Niederschlesien über zwei Wochen zur Spielwiese für eine außergewöhnliche Jazzszene im Herzen Europas. Festivalleiter Steffen Tempel erzählt hier die großen und kleinen Geschichten, die er mit Mandaujazz verbindet.

Zur Geschichte des Festivals aus dem Nähkästchen geplaudert: Tradition trifft Innovation.

Benannt nach dem gleichnamigen Oberlausitzer Fluss Mandau, der von seiner Quelle im böhmischen Rumburk bis ins deutsche Zittau fließt und dort in die Neiße mündet, blickt das Mandaujazz-Festival auf eine inzwischen 23-jährige Tradition in der „Dreiländerecksstadt“ Zittau zurück. Hervorgegangen ist das Festival aus einer studentischen Initiative im Jahr 1984. In den 1990er Jahren erweckte das soziokulturelle Zentrum „Hillersche Villa“ das in den Dornröschenschlaf gefallene Festival zu neuem Leben und veranstaltet seitdem jährlich im Oktober eine Jazzkonzertreihe in Zittau unter dem Titel „Mandaujazz”. Seit 2012 hat sich das Mandaujazz weiterentwickelt.  Gemeinsam mit meinem Kollegen Martin Musílek vom Theater Varnsdorf habe ich die Leitung übernommen, viele ehrenamtlichen Helfer unterstützen uns und unser neues Konzept: Dem Fluss folgend stellen wir  mit den Veranstaltungsorten entlang der Mandau musikalische Verbindungen her. Anders gesagt, das Festival widmet sich mit dem Programm dem namensgebenden Fluss Mandau, reist mit den Veranstaltungen durch die ländliche Region und verbindet von Rumburk bis Zittau die zahlreichen Dörfer und Gemeinden im Grenzgebiet der Oberlausitz. Der Gang in die an der Mandau gelegenen Dörfer war sicher ein mutiger Schritt, der sich aber gelohnt hat!

Das Erfolgsrezept des Festivals: Gute Zutaten

Zum Gelingen des Festivals tragen verschiedene Faktoren eine entscheidende Rolle bei.

Der Gang in die ländlichen Regionen war ein mutiger, aber wichtiger Schritt. Steffen Tempel (links) ist ihn gegangen.

Wir verstehen das Festival als Brücke, auf der musikalische Eliten, großstädtische Musikkultur und ländliche Hörgewohnheiten aufeinandertreffen. So ist als Festivalhöhepunkt des diesjährigen Mandaujazz kein Geringerer als Jimi Tenor & Kabu Kabu geladen. Der international gefeierte Superstar, bekannt als experimentell erfahrener Elektronik-Kauz, macht seinem Kultstatus auch im Afrofunkjazz alle Ehre – mit rockig-schräg-euphorisch-wildem Afrobeat (à la Fela Kuti), der in enger Zusammenarbeit mit dem westafrikanischen Quartett Kabu Kabu entsteht.

Und als ob ein solches Highlight nicht schon genug wäre, treffen auf dem Eröffnungskonzert die nicht minder legendäre US-amerikanisch-schweizerische Jazz-Sängerin Erika Stucky und der Sound-Designer Knut Jensen zusammen. Die beiden Musiker nehmen ihre Zuhörer mit auf eine makabere, turbulente, besinnliche, traurige und witzige Reise rund um die Welt; mit überraschenden Versionen weltbekannter Songs, die von verschrobenen, selbst gedrehten Filmen und witzigen Ansagen umrahmt sind.

Eines der charakteristischen Merkmale des Mandaujazz ist Vielfalt: Durch wechselnde musikalische Räume sollen unbekannte Orte in den Nachbarländern entdeckt und vergessene Räume mit Mitteln des Jazz in Besitz genommen werden, um so neue Perspektiven zu eröffnen. Dies ist uns in diesem Jahr gleich in zweifacher Hinsicht gelungen. Zum einen mit dem Niederoderwitzer Kretscham, in den beim diesjährigen MANDAUJAZZ-Tanzball die Dixie-Swing Band Melody Boys und DJ Cup of Jazz zum Tanzen und Feiern einladen und zum anderen mit der Rumburker Szene-Bar, wo Chocofly gastieren wird, haben wir zwei vollkommen neue Festivalorte in den Reigen des Mandaujazz aufnehmen können.

Vergangenes Jahr haben Masaa für arabisches Flair beim Mandaujazz gesorgt. Die deutsche Jazz-Band bringt arabische Liedtexte auf die Bühne und möchte mit gängigen Klischees brechen.

Der Anspruch, einem in jeder Hinsicht grenzübergreifenden Festival gerecht zu werden, zeigt sich nicht nur in der Auswahl internationaler Künstler für ein trinationales Publikum und in wechselnden Veranstaltungsorten auf deutscher und tschechischer Seite, sondern auch in den Musikgenres. Crossover-World-Musik nimmt hier einen festen Platz ein: Neben dem Milli Janatkovà Quintet wird unter anderem das bis zu 15-köpfige Perkussion-Klang-Ensemble Nanigo auftreten.

Publikumslieblinge treffen auf experimentelle Ideen

Der klare Liebling des Mandaujazz-Publikums ist eindeutig der Klang von New Orleans. Liebhabern von Dixieland und Swing bietet das diesjährige Festival eine breite Auswahl. Neben dem bereits erwähnten MANDAUJAZZ-Tanzball sind außerdem Jan Smigmator, der großen Swing-Legenden à la Frank Sinatra, Sammy Davis Jr. und Dean Martin alle Ehre macht, sowie die Berliner Big Band Dixie Brothers geladen. Letztere spielen im Rahmen des allseits beliebten und fast schon zur Tradition gehörenden MANDAUJAZZ-Café, das bei Kaffee und selbst gebackenem Kuchen im Schloss Hainewalde alldenjenigen eine echte Alternative bietet, die dem Klang von Dixieland und Swing (und auch so manchem Berliner „Gassenhauer“) nicht erst in den späten Abendstunden frönen möchten.

Dass Jazz als Musikrichtung nicht zum Mainstream und damit auch nicht zu den gewohnten Hörbedürfnissenzählt, ist uns Festivalorganisatoren bewusst. Es ist immer wieder die Herausforderung der Programmgestaltung, den Kunstbedürfnissen in einer ländlichen Region gerecht zu werden und künstlerische Vielfalt, internationale Breite wie auch innovative Idee und Experimentierfreude mit regionaler Ausstrahlung zu verbinden. Ausdruck dessen ist beispielsweise David Helbock’s Random/Controll, die leichtfüßig-modernen Piano-Jazz mit mehr als zwei Dutzend Instrumenten auf der Bühne der Großschönauer Webschule präsentieren. Zeitgenössischen, elektronischen Jazz mit experimentellem Esprit bietet auch ein Konzertabend im Zittauer Kronenkino mit dem sphärischen Slow-Motion-Rock des Duos Zabelov Group und den spacig-düsteren Soundscapes von SØJUS1.

Wer im Hintergrund die Fäden hält

Ein wichtiges Anliegen des Festivals ist, mit lokalen Partnern eng zusammenzuarbeiten, um sich zu vernetzen, ehrenamtlich Engagierte und Besucher aus verschiedenen Wirkungskreisen für das Festival zu begeistern und natürlich Knowhow zu bündeln. Langjährige Partner sind zum Beispiel das Theater Varnsdorf, die Kulturfabrik Mittelherwigsdorf, die Stadt Großschönau, der Schlossverein Hainewalde und die Kulturzentren Na Kopečku und Lidová Zahrada. Neu dabei in 2018 ist der Kulturverein um den Niederoderwitzer Kretzscham, wo in diesem Jahr der Mandaujazz-Tanzball stattfindet sowie die Brauerei in Friedland, wo der Abschluss des Festivals mit einem Doppelkonzert gefeiert wird. Mit an Bord sind in diesem Jahr die beiden Lokalgrößen Mandauquartett und Arzenal Band Varnsdorf – beides sind lokale künstlerische Nachwuchstalente, denen das Mandaujazz-Festival ein tolles Podium mit regionaler Ausstrahlung bietet.

Auch dabei im vergangenen Jahr – Ausnahme-Trompeter Laco Déczi mit seiner Band Celula New York. Der Slowake gilt als Wegbereiter des Hardbop in der damaligen Tschechoslowakei.

Doch auch ohne Förderer wie die Kulturstiftung Sachsen oder den Tschechischen Kulturfond wäre ein solch außergewöhnliches Jazzfestival in unserem Dreiländereck nicht möglich. Ebenso gilt ein ganz besonderer Dank unseren treuen Sponsoren – allen voran der ENSO sowie der Sparkasse Oberlausitz-Niederschlesien, die uns seit Jahren nicht nur als Sponsoren, sondern auch als enger Partner begleiten und unterstützen.

Last but not least: Zum Geheimtipp

Oft wurde ich zuletzt gefragt, welchen persönlichen Geheimtipp die Festivalleitung habe. Ich für mich kann sagen: Alle Programmpunkte haben eine wesentliche Bedeutung für das Festival und sind nicht austauschbar. Wenn mit „Geheimtipp“ aber etwas Außergewöhnliches gemeint ist, würde ich wohl in diesem Jahr den niederländischen Organisten Gijs van Schoonhoven empfehlen- Er wird die Register der Monumentalorgel  der Johanniskirche  zu Zittau ziehen, um den Stummfilm-Klassiker Metropolis improvisierend zu vertonen. Die Monumentalorgel in Zittau gilt mit ihrem spätromantischem Klangbild als ein Orgeldenkmal europäischen Ranges. Nicht von geringerer Bedeutung ist der Stummfilm Metropolis (1925/26) von Fritz Lang, der als erster Film überhaupt ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen wurde und von einer futuristischen Großstadt mit ausgeprägter Zweiklassengesellschaft erzählt.

Das Mandaujazz-Festival ist aus meiner Sicht inzwischen der musikalische Höhepunkt in der Dreiländerregion zu Polen und Tschechien. Mit etwa 1.400 Besuchern jährlich – die Tendenz ist seit den letzten Jahren stetig steigend – liefert das Festival den Beweis, dass Jazz auf dem Land längst kein Paradoxon mehr ist, sondern wegbereitend für eine moderne Identitätsstiftung im ländlichen Raum.

 

Unser Gastautor ist diesmal Steffen Tempel. In der Hillerschen Villa ist er verantwortlich für Kino und Veranstaltungen und ist Festivalleiter des MANDAUJAZZ-Festival.