Nach fast 40 Jahren hat der Schornstein des alten Heizkraftwerks (HKW) Bautzen-Teichnitz am 27. September 2018 endgültig ausgehaucht – punktgenau um 9:00 Uhr an einem trüben Donnerstagmorgen bricht der 110 Meter hohe Schlot nach dumpfen Explosionen in zwei Hälften und schließlich in sich zusammen. Die Sprengung ist geglückt, es ist das Ende einer Ära.

Der Abriss des Schornsteins im Detail

Um 8:59 Uhr schwingen die zwei markanten Töne des Signalhorns durch die herbstliche Luft, es folgt eine respektvolle, spannungsgeladene Stille. Ein dumpfer Schlag durchbricht diese plötzlich, wie ein Strohhalm knickt der zwischen 4,6 Meter bis 6,8 Meter breite Schornstein an beiden Sprengstellen ab. Was in nicht einmal einer Minute ein jähes Ende findet, erforderte im Vorfeld viele Wochen Arbeit und Vorbereitung. Hauptsprengmeister Michael Schneider erklärt im Nachgang Interessierten und Journalisten zahlreiche Details der sogenannten Sprengfaltung: Der Abriss des Schornsteins erfolgte mit zwei Teilsprengungen – eine davon am Boden, die zweite in ca. 50 Metern Höhe – die untere Hälfte knickte durch die Sprengung nach Osten, die obere Hälfte Richtung Westen, dadurch entsteht der Effekt der Faltung (siehe dazu das Video am Ende des Beitrags). Insgesamt waren 345 Bohrlöcher und 29,5 Kilogramm Sprengstoff nötig, um den Bautzener Riesen zu Fall zu bringen.

In zwei Sprengmäulern, bestehend aus 345 Löchern, verteilen sich 29,5 kg Dynamit. Die beiden gegenläufigen Sprengungen (rote Kreise) – eine am Boden, eine ungefähr auf halber Höhe des Schornsteins – falten das Objekt bei der Sprengung zusammen.

Nachdem dies geschafft war, erfolgt durch die Sprengmeister die Begehung des Geländes. Dabei müssen sie eine erste Lageeinschätzung vornehmen und vor allem kontrollieren, ob noch irgendeine Gefahr vorliegt (etwa durch eventuell nicht gezündete Sprengladungen). Dies war jedoch nicht der Fall, eine knappe halbe Stunde nach der pünktlichen Sprengung war das Gelände für die Begehung freigegeben. Gleichwohl es anhand von 2.000 Tonnen wild durcheinanderliegenden Betons und Stahl einem Schlachtfeld glich, war das Fazit: Die Sprengung samt dem Fall der beiden Teilstücke ist genauso verlaufen, wie es geplant war. Detailliertere Einschätzungen sind erst nach einer genauen Untersuchung möglich und werden derzeit von den ENSO-Experten erstellt.

Ein respektvoller Blick in die Geschichte

Doch was zu technisch und starr klingt, hat gerade hier auch eine zutiefst emotionale Komponente. Dutzende ENSO-Mitarbeiter und ehemalige Angestellte des HKW standen an diesem Tag ein letztes Mal ehrfürchtig vor dem 110 Meter hohen Schlot, der ihnen über die Jahre oft auch aus persönlicher Verbundenheit ans Herz gewachsen war. Denn der Abriss des Schornsteins setzt faktisch einen geschichtlichen Punkt hinter die Historie des HKW Bautzen-Teichnitz. Baustart für den damals noch als Heizwerk konzipierten Bau war 1978. Innerhalb von vier Jahren wurden alle Teile der Anlage errichtet und schrittweise in Betrieb genommen, so auch die drei DDR-Braunkohle-Rostkessel, in denen neben Produktionsdampf für das Plattenwerk Bautzen auch Heizwasser für die 4.000 Wohn- und Nachfolgeeinrichtungen der Neubaugebiete Gesundbrunnen und Neustadt hergestellt wurde. Inmitten des Baufortschritts wurde 1980 der Schornstein fertiggestellt.

70 bis 80 Mitarbeiter sorgten zwischen 1981 und 1995 durch Bekohlung, Entladung der Kohlezüge und Instandhaltung des Werkes für einen unterbrechungsfreien Ablauf der Wärmelieferung, bis Bautzen-Teichnitz 1995/96 für knapp 30 Millionen Deutsche Mark zum Heizkraftwerk umgerüstet wurde. Bei laufendem Betrieb wurden die Dampfkessel durch Braunkohlestaubfeuerungen mit Rauchreinigungsanlagen und Heizölfeuerungen ersetzt. Außerdem wurde eine 2-Megawatt-Gegendruck-Dampfturbine zur Stromerzeugung (Kraft-Wärme-Kopplung) nachgerüstet sowie eine chemische Wasseraufbereitungsanlage, mehrere Brennstoff-Tanks, Silos und ein neuer Wärmeüberträger installiert.

Am 7. Februar 2017 stellte die Anlage den Betrieb ein, die zuletzt 16 verbliebenen Mitarbeiter fanden unter anderem bei ENSO oder ENSO NETZ eine neue Tätigkeit, etwa im Bereich des Netzausbaus oder im Geschäftsfeld „Erneuerbare Energien“.

Ein bisschen Wehmut wird bleiben

Umso ehrfürchtiger erscheinen die letzten Handgriffe von Wilfried Kliem. Beim Bau des Heizwerks war er als junger Mann dabei und verbrachte 35 Jahre seines Berufslebens als Elektriker in der Anlage. Am Mittwochabend vor der Sprengung war es ihm vergönnt, die sogenannte Luftfahrt-Hindernisbefeuerung auszuschalten, sprich: die roten Lampen, die des Nachts den Flugverkehr daran erinnern, einen möglichst großen Bogen um Hindernisse wie eben jenen Schornstein des Heizkraftwerks zu machen.

Einer der Sprengmeister (l.) und ENSO-Projektleiter Michael Schönitz (r.) begutachten nach der erfolgreichen Sprengung das Areal, hinter ihnen die Überreste des einst 110 Meter hohen Betonriesen.

Einen Tag später ist von dem einstigen Wahrzeichen am Rande der Senfstadt Bautzen aus der Ferne nichts mehr zu sehen. Nur vor Ort oder aus der Vogelperspektive sind die am Boden liegenden 2.000 Tonnen Abbruchmaterial des zerstörten Schornsteins erkennbar, die nach einer ausführlichen Belastungsuntersuchung in den nächsten Wochen aufbereitet und später als Füllstoff für Baumaßnahmen vor Ort dienen sollen. Damit bildet die Schornsteinsprengung nahezu das Finale des HKW-Rückbaus: Im Herbst 2017 wurde die Fernwärmeleitung entleert und getrennt, bis März 2018 Pumpen und andere Aggregate ausgebaut und verkauft. Seitdem wurden der Kraftwerkblock entkernt und abgerissen sowie weitere Anlagen, wie zum Beispiel der Heizöltank, zurückgebaut. Die Gesamtkosten belaufen sich auf zwei Millionen Euro.

Trotzdem geht es am Standort weiter, denn für die Funktionsgebäude mit Sozial- und Büroräumen, Werkstätten, Garagen und Hallen wurde eine weitere Nutzungsmöglichkeit gefunden: Den Anlagenstandort selbst wird ENSO auch weiterhin betreiben und von hier aus ihre Strom- und Wärmeerzeugungsanlagen in Ostsachsen (beispielsweise in Königswartha, Altenberg, etc.) betreuen. Zudem speist an der Stelle des ehemaligen Kohlelagerplatzes des alten Heizkraftwerks seit 2014 eine Photovoltaik-Anlage in das öffentliche Stromnetz ein – ein Stückchen Zukunft blickt auf somit auf eine große Vergangenheit.